Kurz-Bewerbungen ohne Anschreiben: Zeitersparnis oder Qualitäts-Einbusse?

In unserer schnelllebigen Zeit soll auch der Bewerbungsprozess immer mehr optimiert und verkürzt werden. Eine Möglichkeit dafür ist, bei Bewerbungen auf ein persönliches Anschreiben der Kandidaten zu verzichten. Wird das klassische Motivationsschreiben damit bald hinfällig?

Ob Kurz-Videos oder One-Click-Bewerbungen: Viele Unternehmungen bemühen sich, den Bewerbungsprozess für die Kandidaten möglichst kurz zu halten. Und während das persönliche Motivationsschreiben lange Zeit als DIE wichtigste Komponente einer aussagekräftigen Bewerbung galt, wird heute teilweise bereits auf das Bewerbungs-Anschreiben verzichtet.

Bewerbung

Der Detailhandel-Riese Otto handhabt die Thematik beispielsweise wie folgt: Statt eines klassischen Anschreibens werden Bewerber bei der Online-Bewerbung dazu aufgefordert, eine von vier Motivationsfragen zu beantworten. In maximal 500 Zeichen können Bewerber hier ein persönliches Statement verfassen, was sie beispielsweise in 12 Monaten bei Otto erreicht haben möchten oder worin sie sich selber als Experten bezeichnen. Oder können festhalten, warum sie als Arbeitskraft zu Otto passen würden und welche Technologien der Zukunft die Arbeitswelt bereichern würden.

Vor- und Nachteile von Bewerbungen ohne persönliches Anschreiben

Die Bedeutung eines Bewerbungs-Schreibens ist ein Stück weit natürlich auch abhängig von der ausgeschriebenen Stelle: Wird ein Texter mit exzellenten Sprachkompetenzen gesucht, ist die schriftliche Ausdrucksfähigkeit sicherlich bedeutender als beispielsweise bei einem Rettungsschwimmer.

Auf jeden Fall kann ein persönliches Anschreiben einen vertieften Einblick in die Kompetenzen und Persönlichkeit eines Bewerbers geben. Es sagt im besten Fall einiges mehr aus als der tabellarische Lebenslauf. Und sollte im Idealfall auch die spezifische Motivation des Kandidaten, sich bei Ihrer Firma zu bewerben, etwas detaillierter offenlegen.

Andererseits kann mit dem Verzicht auf ein Motivationsschreiben viel Zeit eingespart werden – sowohl seitens des Bewerbers, aber natürlich auch aus der Warte des Recruiters. Und wie im Falle von Otto erfahren die Personaler trotzdem, was die Bewerber antreibt, sich bei ihnen zu bewerben. Möglicherweise ermutigt dieses Vereinfachen des Bewerbungsprozesses aber auch vermehrt  Bewerbungen von Kandidaten, welche die gewünschten Kriterien der Stellenausschreibungen gar nicht erfüllen und diesen verkürzten Bewerbungsweg dafür nutzen, eine Quote von Muss-Bewerbungen zu erfüllen, beispielsweise für das Arbeitsamt.

Fazit: Bewerbungsprozess vereinfachen ja, aber nicht um jeden Preis

Dass Bewerbungsprozesse optimiert werden und man sich als Firma die Frage stellt, auf welche Elemente der Bewerbung man allenfalls verzichten könnte, ist naheliegend. Ob jedoch das Anschreiben tatsächlich genau dasjenige Element ist, auf welches man in der Rekrutierung verzichten kann, sollte sorgfältig und pro Stelle individuell geprüft werden. Schliesslich verlieren Bewerbungen ohne persönliches Motivationsschreiben definitiv ein Stück Individualität.

 

 

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1 Comment
  • Lukas

    7. August 2016 at 18:45

    Das Vorgehen von Otto im Bewerbungsprozess finde ich durchaus sinnvoll. Ich war in der Vergangenheit eine Zeit lang für Praktika-Bewerbungen zuständig und mir ist in dem Fall schon aufgefallen, dass immer die gleichen Floskeln benutzt werden. Wenn Personaler tagtäglich mit dutzenden Bewerbungsanschreiben konfrontiert sind, die zu einem großen Teil gleich klingen, kann ich mir schon vorstellen, dass diese nur überflogen werden und schnell aussortiert sind. Eine individuelle Befragung wie bei Otto scheint mir daher bei vielen Jobangeboten schon Vorteile zu bringen. Besonders die unterschiedlichen Fragestellungen lassen hier viel Spielraum für interessante Antworten.

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